
Die Tiere von Vaters Weihnachtskrippe
Die Tiere von Vaters Weihnachtskrippe
Die Schwalben sind auch in unserem zweiten Zollhausjahr wieder rechtzeitig weggekommen und hatten uns den Herbst zurückgelassen.
Inzwischen sind die bunten Blätter vom Kirschbaum und vom wilden Wein auf Vaters Laube längst abgefallen. Und ein Blick hinauf auf Hoaschd zeigt, wie sehr sich auch dort der dichte Laubgürtel des Eichenwaldes gelichtet hat. Als es dann auf den Advent zuging, ist es auch ums Haus herum sofort recht frisch geworden. Das muntere Leben im Garten ist deutlich abgeschwächt und auf die Gegend ums Futterhäuschen konzentriert. Auch wir Leute spüren jetzt nicht nur nachts den ersten Frost…
Und just heute morgen, nach der Frühmesse, da hat Mutter am Adventskranz schon die vierte Kerze angezündet. Heilig Abend, auf den hinzu ich einen ganzen Monat lang, ohne ein einziges Gutzjen zu lutschen, hingefiebert habe, steht vor der Tür. Wir werden nun schon die zweite Stille Nacht in unserm neuen Haus erleben, auch ohne Oma und die andern in der Hofstraße.
Mutter hatte dieses Jahr schon früh angefangen bei ihrer täglichen Hauarbeit von früh bis spät alle die schönen Adventslieder in ihr Programm aufzunehmen. Es ist schön, wenn ed Lisa so laut und kräftig für sich singt. Insgeheim singt sie damit auch für mich. Ich liebe nämlich diese Adventslieder ganz besonders; ihre warme Melodien, alle in Moll gesetzt, und diese verheißungsvollen Texte!
Und wenn dann in der Frühmesse zum 1. Advent die Orgel „Oh Heiland reiß die Himmel auf!“ anstimmt, dann bin ich ganz stolz, jede einzelne Strophe mitsingen zu können.
Gestern am frühen Nachmittag, noch bevor es dunkel wurde, da hat Vater mich, ohne ein näheres Wort, mit hoch auf Hoaschd genommen.
Erst als wir uns bückten und kleine Handballen aus Moos vom Boden abpflückten und in den Korb legten, da sagte er: „Das brauchen wir für die Weihnachtskrippe“.
Und dann kam Heiligabend; Vater war nicht zur Schicht und bereitete mir bereits am Vormittag eine überraschende Bescherung. Er stellte seinen Schustertisch im Wohnzimmer auf; Mutter mußte eine weiße Damastdecke drüber auslegen.
Nun, was es mit diesem Schustertisch auf sich hat; Vater hatte mir später einmal erzählt, er hätte so gerne das Schusterhandwerk erlernen wollen. Schon als Junge habe er immer beim Baltesse Schoùschder mit Eifer zugeschaut, hätte genau beobachtet, wie es da beim Sohlen, Nähen und dem Schuhwichsen vor sich geht. Doch aus seinem Wunschberuf konnte nichts werden; alle vier Söhne vom Liescher Gruußpapp mußten nach der Volksschule gleich bei V&B anfangen und mitschuften, um für die vielköpfige Familie das nötige Geld zusammen zu verdienen.
Aber all die Jahre hindurch, da hat mit der Zeit unser Vater die große Schublade unter seinem Schustertisch, auf dem jetzt Christbaum und Krippe stehen, all das nötige Handwerkzeug versehen, mit dem er alle unsere kaputten Schule zu flicken imstande ist. Er kann sogar abgelaufene Latschen ganz neu besohlen.
Neben dem Schustertisch stand eine große Kiste, vom Speicher heruntergeholt. Und wie Vater daraus lauter Schachteln auspackte, da kamen zuerst kleine weiße Schäfchen hervor, dann ein Ochs, in Esel und eine Kuh, schließlich dazu noch mehrere Menschen, erst die Hirten, dann Maria und Josef und zuletzt der Jesusknabe.
Wo kommen die denn auf einmal her?
Sie wurden nicht für teures Geld im Dorf beim Freudereich gekauft, auch nicht bei Ronellenfitch, in Merzigs großem Geschenkkaufhaus; diese wunderschönen Figuren aus Terracotta, die hatte unser „Mann vom Feuerton“ während seiner Arbeit bei V&B in etlichen Überstunden mit eigener Hand modelliert, poliert und selbst dort hart gebrandt.
Wie gesagt, dieser Abend des vierten Adventssonntag war für mich allein schon wie eine große Bescherung.
Gibt es für diese heilige Zeit eine schönere Beschäftigung als den Eltern mitzuhelfen, aus allem, was Vater vorbesorgt hatte, auf seinem Schustertisch für den Heiligen Abend aufzurichten.
Mit diesem vorletzten Adventsabend ist mir das Bild von Vaters selbst geformter Weihnachtskrippe jetzt noch, ganze acht Jahrzehnte danach, im Gedächtnis sehr lebendig gebliebenen. Und bei ihrem geistigen Anblick fällt mir eine Stelle bei Maria Croon ein. In ihrem Buch: „Aus der Zeit, da man noch Zeit hatte“ lesen wir, daß ganz früher im Saar- und Moselland noch der fromme Glaube verbreitet war, daß die Tiere in der Weihnachtszeit alle sprechen können.
Schon damals in meiner Zollhauszeit hatte ich, ohne Konrad Lorenz zu kennen, bereits schon gewußt, daß alle unsere Tiere, mit denen wir damals zusammen lebten, daß die Vögel in unserm Garten, die Kaninchen und die Hühner im Schuppen und sogar das Schwein und die Geiß im Stall sehr wohl zu uns sprechen konnten, und das nicht nur zur Weihnachtszeit.
Inzwischen sind die bunten Blätter vom Kirschbaum und vom wilden Wein auf Vaters Laube längst abgefallen. Und ein Blick hinauf auf Hoaschd zeigt, wie sehr sich auch dort der dichte Laubgürtel des Eichenwaldes gelichtet hat. Als es dann auf den Advent zuging, ist es auch ums Haus herum sofort recht frisch geworden. Das muntere Leben im Garten ist deutlich abgeschwächt und auf die Gegend ums Futterhäuschen konzentriert. Auch wir Leute spüren jetzt nicht nur nachts den ersten Frost…
Und just heute morgen, nach der Frühmesse, da hat Mutter am Adventskranz schon die vierte Kerze angezündet. Heilig Abend, auf den hinzu ich einen ganzen Monat lang, ohne ein einziges Gutzjen zu lutschen, hingefiebert habe, steht vor der Tür. Wir werden nun schon die zweite Stille Nacht in unserm neuen Haus erleben, auch ohne Oma und die andern in der Hofstraße.
Mutter hatte dieses Jahr schon früh angefangen bei ihrer täglichen Hauarbeit von früh bis spät alle die schönen Adventslieder in ihr Programm aufzunehmen. Es ist schön, wenn ed Lisa so laut und kräftig für sich singt. Insgeheim singt sie damit auch für mich. Ich liebe nämlich diese Adventslieder ganz besonders; ihre warme Melodien, alle in Moll gesetzt, und diese verheißungsvollen Texte!
Und wenn dann in der Frühmesse zum 1. Advent die Orgel „Oh Heiland reiß die Himmel auf!“ anstimmt, dann bin ich ganz stolz, jede einzelne Strophe mitsingen zu können.
Gestern am frühen Nachmittag, noch bevor es dunkel wurde, da hat Vater mich, ohne ein näheres Wort, mit hoch auf Hoaschd genommen.
Erst als wir uns bückten und kleine Handballen aus Moos vom Boden abpflückten und in den Korb legten, da sagte er: „Das brauchen wir für die Weihnachtskrippe“.
Und dann kam Heiligabend; Vater war nicht zur Schicht und bereitete mir bereits am Vormittag eine überraschende Bescherung. Er stellte seinen Schustertisch im Wohnzimmer auf; Mutter mußte eine weiße Damastdecke drüber auslegen.
Nun, was es mit diesem Schustertisch auf sich hat; Vater hatte mir später einmal erzählt, er hätte so gerne das Schusterhandwerk erlernen wollen. Schon als Junge habe er immer beim Baltesse Schoùschder mit Eifer zugeschaut, hätte genau beobachtet, wie es da beim Sohlen, Nähen und dem Schuhwichsen vor sich geht. Doch aus seinem Wunschberuf konnte nichts werden; alle vier Söhne vom Liescher Gruußpapp mußten nach der Volksschule gleich bei V&B anfangen und mitschuften, um für die vielköpfige Familie das nötige Geld zusammen zu verdienen.
Aber all die Jahre hindurch, da hat mit der Zeit unser Vater die große Schublade unter seinem Schustertisch, auf dem jetzt Christbaum und Krippe stehen, all das nötige Handwerkzeug versehen, mit dem er alle unsere kaputten Schule zu flicken imstande ist. Er kann sogar abgelaufene Latschen ganz neu besohlen.
Neben dem Schustertisch stand eine große Kiste, vom Speicher heruntergeholt. Und wie Vater daraus lauter Schachteln auspackte, da kamen zuerst kleine weiße Schäfchen hervor, dann ein Ochs, in Esel und eine Kuh, schließlich dazu noch mehrere Menschen, erst die Hirten, dann Maria und Josef und zuletzt der Jesusknabe.
Wo kommen die denn auf einmal her?
Sie wurden nicht für teures Geld im Dorf beim Freudereich gekauft, auch nicht bei Ronellenfitch, in Merzigs großem Geschenkkaufhaus; diese wunderschönen Figuren aus Terracotta, die hatte unser „Mann vom Feuerton“ während seiner Arbeit bei V&B in etlichen Überstunden mit eigener Hand modelliert, poliert und selbst dort hart gebrandt.
Wie gesagt, dieser Abend des vierten Adventssonntag war für mich allein schon wie eine große Bescherung.
Gibt es für diese heilige Zeit eine schönere Beschäftigung als den Eltern mitzuhelfen, aus allem, was Vater vorbesorgt hatte, auf seinem Schustertisch für den Heiligen Abend aufzurichten.
Mit diesem vorletzten Adventsabend ist mir das Bild von Vaters selbst geformter Weihnachtskrippe jetzt noch, ganze acht Jahrzehnte danach, im Gedächtnis sehr lebendig gebliebenen. Und bei ihrem geistigen Anblick fällt mir eine Stelle bei Maria Croon ein. In ihrem Buch: „Aus der Zeit, da man noch Zeit hatte“ lesen wir, daß ganz früher im Saar- und Moselland noch der fromme Glaube verbreitet war, daß die Tiere in der Weihnachtszeit alle sprechen können.
Schon damals in meiner Zollhauszeit hatte ich, ohne Konrad Lorenz zu kennen, bereits schon gewußt, daß alle unsere Tiere, mit denen wir damals zusammen lebten, daß die Vögel in unserm Garten, die Kaninchen und die Hühner im Schuppen und sogar das Schwein und die Geiß im Stall sehr wohl zu uns sprechen konnten, und das nicht nur zur Weihnachtszeit.
Gute drei Jahrzehnte nach dieser Weihnacht aus der Zollhausenzeit ist dann in der Edenstraße wieder eine neue junge Familie entstanden durch die Geburt unserer Tochter Monika. Und ich sehe noch heute den Widerschein aus ihren leuchtenden Augen als Inge die kleine Maus auf ihren Armen vor die neue Weihnachtskrippe führte.
Auch diesmal könnte man wieder fragen:
Wo kommen diese Figuren denn auf einmal her?
Auch sie wurden nicht für teures Geld gekauft worden; diese wahrhaft schönen Figuren, sie sind nicht mehr aus Terracotta, sie glänzen in Leintuch, Damast und Seide.
Inge, die junge Mutter, hat sie mit geschickten Händen und sehr kunstvoll aus eigener Imperssion zur Freude für ihre Erstgeburt so wunderbar gestaltet hatte.
Auch diesmal könnte man wieder fragen:
Wo kommen diese Figuren denn auf einmal her?
Auch sie wurden nicht für teures Geld gekauft worden; diese wahrhaft schönen Figuren, sie sind nicht mehr aus Terracotta, sie glänzen in Leintuch, Damast und Seide.
Inge, die junge Mutter, hat sie mit geschickten Händen und sehr kunstvoll aus eigener Imperssion zur Freude für ihre Erstgeburt so wunderbar gestaltet hatte.
